Wie ein finnisches Mentoring-Modell internationale Fachkräfte erfolgreich in den Arbeitsmarkt integriert
Nach Angaben von Startup Refugees und dem IT-Dienstleister Netlight ist das finnische Mentoring-Programm für internationale Fachkräfte am 3. September in eine neue Runde gestartet.

Seit 2019 haben 164 Mentorinnen und Mentoren insgesamt 164 Mentees beim Einstieg in die finnische Arbeitswelt begleitet — 62 Prozent der Teilnehmenden fanden laut Programmleitung eine Anstellung im eigenen Berufsfeld. Für ein Land mit alternder Bevölkerung und schrumpfendem Arbeitskräftepotenzial ist das ein nüchterner Erfolg, an dem sich messen lässt, was gelingende Integration in den Arbeitsmarkt konkret bedeutet.
So ist das Programm aufgebaut
In diesem Herbst bringt die Initiative 16 Mentorinnen und Mentoren mit 16 Mentees zusammen. Die Tandems werden manuell nach Hintergrund, Skills und Karriereziel zusammengestellt — nicht nach Verfügbarkeit. Die Teilnehmenden kommen aus der Ukraine, Sri Lanka, Indien, Palästina, Pakistan, Bangladesch und dem Iran. Auf der Mentorenseite stehen Profile aus KI-Engineering, Cloud-Architektur, Design-Consulting, Business-Analyse, Kommunikation und Recruiting, fast alle aus den Reihen der Partnerunternehmen Tieto und Netlight. Themen im Tandem: Jobsuche, Karrierewege, finnische Arbeitskultur. Ergänzend gibt es dieses Jahr ein Hackathon-Modul, in dem die Mentees ihre Kompetenzen praktisch zeigen müssen. Beschäftigungsdaten des Jahrgangs 2025 werden laut Programm im Dezember 2026 ausgewertet.
Was Coaching-Angebote in Deutschland daraus mitnehmen können
Drei Punkte sind für die Arbeit mit Geflüchteten und internationalen Schülerinnen und Schülern direkt übertragbar:
- Matching schlägt Matching-Veranstaltung. Ein festes Tandem mit klarer Ansprechperson schlägt jede Speed-Mentoring-Runde. Die Finnen setzen genau darauf, die Beschäftigungsquote bestätigt das Vorgehen empirisch.
- Berufsfeld statt „irgendein Job". Die 62 Prozent beziehen sich ausdrücklich auf Anstellungen im eigenen Feld. Wer Coaching auf Sprachkurse und Praktika reduziert, verschenkt das Kernargument gegenüber Unternehmen.
- Mentoren mit nachweisbarer Expertise. Wer als Mentor auftritt, muss ein konkretes Tätigkeitsfeld vorweisen können. Allgemeine „Wir-helfen-dir-beim-Einstieg"-Profile funktionieren in der Praxis nicht.
Die Tieto-Verantwortliche Liisi Hatinen bringt es in der Programmkommunikation auf den Punkt: Mentoring sei kein Altruismus, sondern ein Geben und Nehmen — die Mentoren lernen Perspektiven kennen, die ihnen im eigenen Unternehmen fehlen. Startup Refugees formuliert es ähnlich: Ziel sei nicht der schnelle Vermittlungscoup, sondern das Verständnis der Arbeitswelt, der Aufbau von Netzwerken und die Stärkung des eigenen Selbstvertrauens. Wer Teilnehmende nur als Hilfsbedürftige adressiert, hat dieses Konzept nicht verstanden.
Konkreter Handlungsauftrag für Coaches und Vereine
Wer in der Schüler- oder Flüchtlingshilfe arbeitet, sollte diese Woche drei Punkte prüfen:
1. Bestandsaufnahme der Mentorenprofile. Welche unserer ehrenamtlich Aktiven haben ein nachweisbares Berufsfeld, in dem sie Mentees tatsächlich weiterbringen können? Listen ohne Feldbezug streichen.
2. Matching-Verfahren hinterfragen. Erfolgt die Zuordnung nach Branche, Sprachniveau und Karriereziel — oder nur danach, wer gerade Zeit hat? Wenn nach Verfügbarkeit: Verfahren ändern, nicht nur kommentieren.
3. Erfolg messen. Die Finnen erheben Beschäftigungsdaten im eigenen Feld und veröffentlichen sie. Ohne diese Zahl bleibt jede Integrationsarbeit eine Behauptung. Eine einfache Tabelle pro Kohorte, aktualisiert zum Quartalsende, reicht für den Anfang.
Mentoring wirkt, wenn Auswahl und Zuordnung sauber sind. Alles andere ist Beiwerk.